Martin Schomaker, Vorstandsvorsitzender der R. Stahl AG, einer der führenden Anbieter von Produkten, Systemen und Dienstleistungen für den Explosionsschutz, schildert uns seine Sicht zum Thema Vertrauen. 

 

Josip Medjedovic: Das zentrale Forschungsthema des Investment Lab ist das Vertrauen zwischen Unternehmen und Investoren. Wie definieren Sie persönlich Vertrauen und wie wichtig ist Ihnen Vertrauen sowohl im geschäftlichen als auch im privaten Kontext?

 

Martin Schomaker: Vertrauen heißt für mich Verlässlichkeit. Dazu gehört auch ein offener Umgang miteinander.

Sowohl im geschäftlichen als auch im privaten Kontext ist Vertrauen sehr wichtig. Gute Zusammenarbeit heißt, dass auch eine Vereinbarung per Handschlag gilt. Natürlich sollte die Abmachung auch vertraglich fixiert werden, aber der Partner muss sich auf das Wort verlassen können und diese Verlässlichkeit ist eine Bedingung für Vertrauen.

 

Josip Medjedovic: Dann kann es aber passieren, dass man enttäuscht wird. Wie sehr gehört die Enttäuschung zu dieser Vertrauensbeziehung dazu?

 

Martin Schomaker: Richtig. In der heutigen komplexen Welt  funktioniert das häufig nicht mehr. Nehmen Sie die Kundenbeziehung als Beispiel: Wenn wir dem Kunden einen Termin zusagen und ihn dann nicht erfüllen können – aus welchen Gründen auch immer – und dieses dann im letzten Augenblick kommunizieren, so gefährden wird die Beziehung. Der Kunde hat sich darauf verlassen, dass wir unsere Zusage erfüllen. Da aber Verlässlichkeit die Basis des Vertrauens ist, rütteln wir durch diese Enttäuschung am Vertrauen des Kunden. Daher ist es wichtig, Probleme rechtzeitig offen zu kommunizieren.

 

Josip Medjedovic: Sie haben von der Kundenbeziehung gesprochen. Wie verhält sich das in der Beziehung zu Ihren Investoren. Können Sie uns da einige Erfahrungen nennen?

 

Martin Schomaker: Ein Investor kauft Aktien, da er von dem Weg, den das Management aufzeigt, überzeugt ist. Werden die Vorhersagen des Managements nicht erfüllt und wird das nicht offen kommuniziert, so ist das Vertrauen erschüttert. Deshalb sollte das Management die Investoren und Analysten frühzeitig informieren, wenn die vorgegebene Guidance nicht erfüllt werden kann.

 

Josip Medjedovic: Man weiß, dass kurzfristige Investoren an dem schnellen „return“ interessiert sind, während die langfristigen ja auch die Beziehung zum Unternehmen schon intensiver pflegen und die Erwartungen eher in die Zukunft setzen. Würden Sie zwischen diesen zwei Typen von Investoren und dem Vertrauen in der Beziehung auch Unterschiede machen?

 

Martin Schomaker: Ja, der Unterschied liegt in den Entscheidungskriterien der Investoren begründet. Ein kurzfristiger Investor konzentriert sich meist auf die Entwicklung einer bestimmten Branche und nicht so sehr auf die individuellen Spezifika eines einzelnen Unternehmens. Es ist schwierig, mit kurzfristig orientierten Investoren ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, zumal man diese selten richtig kennenlernt.

Der langfristige Investor dagegen geht ganz anders vor. Er beobachtet das Unternehmen über einen längeren Zeitraum. Einige unserer Investoren haben sich im Vorfeld mit dem Management getroffen und uns am Standort besucht. Vertrauen ist die Basis für ihre Investitionen.

 

Josip Medjedovic: Sie haben vorhin gesagt, dass eine Form der „präventiven“ Kommunikation dazu dient, das Vertrauen aufrecht zu erhalten. Welche Erfolgsfaktoren für den Aufbau in vertrauensvolle Investorenbeziehungen sehen Sie noch?

 

Martin Schomaker: Neben aktiver Kommunikation mit den Investoren und Analysten spielt Transparenz eine wichtige Rolle. Ein Unternehmen muss Investoren genügend Informationen zur Verfügung stellen, damit diese den Geschäftsverlauf beurteilen können. Dazu gehört auch, die Hintergründe zu der Entwicklung finanzieller Größen darzustellen. R. STAHL investiert derzeit stark in den Ausbau der Produktionsstandorte und in die Erweiterung der Forschungs- und Entwicklungskapazität. Wir expandieren in Waldenburg, Weimar, Köln, den Niederlanden, Indien und den USA. Das belastet den Cash-flow. Diese Entwicklung muss durch aktive Kommunikation erklärt werden. Deshalb ist es essenziell, dass sich ein Unternehmen damit beschäftigt, welche Informationen für die Investoren entscheidungsrelevant sind, so dass Investments kalkulierbar werden.

 

Josip Medjedovic: Es ist nun sicherlich so, das ein Unternehmen durch die Gewinne und Returns, die es generiert, eine gewisse Kompetenz ausstrahlt. Neben der Kompetenz, was meinen Sie, wie wichtig ist für einen Investor das Persönliche, sprich der Umgang mit diesem?

 

Martin Schomaker: Das ist je nach Investorentyp unterschiedlich. Es gibt Investoren, die sich lediglich an den Kennzahlen eines Unternehmens orientieren und weniger den persönlichen Kontakt suchen. Andere dagegen legen Wert darauf, das Unternehmen kennenzulernen. Die Kompetenz des Managements ist meiner Meinung nach der ausschlaggebende Faktor für eine Investitionsentscheidung.

 

Josip Medjedovic: Wenn wir uns jetzt hypothetisch eine Situation vorstellen, in der Sie unternehmensrelevante Entscheidungen treffen müssen. Fällt es Ihnen leichter diese Entscheidungen zu treffen, wenn Sie wissen, dass Ihnen Ihre Investoren vertrauen?

 

Martin Schomaker: 50 % unserer Aktien sind in der Hand der Gründerfamilie, mit der eine vertrauensvolle Beziehung über viele Jahre hinweg aufgebaut wurde. Von Investoren, die wir nur durch Gespräche oder Präsentationen kennen, kann man nicht erwarten, dass sie sich emotional oder moralisch dem Unternehmen verpflichtet fühlen. Trifft ein Unternehmen Entscheidungen, die sich negativ auf den Kapitalmarkt auswirken, so werden sich kurzfristig orientierte Investoren vom Unternehmen trennen. Langfristige Investoren dagegen werden zunächst prüfen, ob sich die riskante Entscheidung auszahlen wird. Hier kommt wieder das Vertrauen in die Entscheidungen des Managements ins Spiel. Ein Beispiel hierfür aus unserer jüngsten Vergangenheit: Wir hatten vor der Wirtschaftskrise verstärkt in den Aufbau unseres Systemgeschäfts investiert. Wir hatten damals Ingenieure und Vertriebstechniker eingestellt und in Anlagen investiert, um das Systemgeschäft voranzutreiben. Das Geschäft hatte sich sehr gut entwickelt, doch dann kam die Krise. Wir haben erkannt, dass unsere Umsatzerlöse um ca. 20 % fallen würden. Dennoch haben wir entschieden, ohne Abbau der Belegschaft durch die Krise zu gehen. Deshalb ging unser Gewinn deutlich zurück. Das war keine einfache Entscheidung, vor allem nicht im Hinblick auf die Folgen am Kapitalmarkt. Ich bin daher sehr früh, im Herbst 2008, an den Kapitalmarkt gegangen und habe die negativen Umsatzprognosen für 2009 deutlich verkündet. Dies führte natürlich dazu, dass sich eine ganze Reihe von Investoren zurückzogen und ihre Anteile verkauften. Innerhalb von drei bis vier Monaten ist der Kurs von 39 Euro auf 20 Euro gefallen. Diese Situation war für uns besonders schwierig und das Festhalten an der Entscheidung war nur deshalb möglich, weil die Gründerfamilie hinter unserem Konzept stand.

 

Josip Medjedovic: Da Sie sich in dieser schwierigen Zeit für Ihre Mitarbeiter entschieden haben, stellt sich für mich die Frage: Wie wichtig ist es für Sie, vor allem auch für ein Unternehmen wie die Firma Stahl, dass die Mitarbeiter unternehmerisch denkend agieren? Und wie forcieren Sie dieses unternehmerische Gedankengut in Ihrem Unternehmen?

 

Martin Schomaker: Das Management ist zu allererst dem Kunden gegenüber verpflichtet und als zweites der Mitarbeiterschaft. Sind Kunden und Mitarbeiter zufrieden, wird auch der Investor Erfolge verzeichnen können. Wir wollen das Unternehmen mit sozialer Verantwortung führen, weil die gesamte Entwicklung des Unternehmens auf den Mitarbeitern aufbaut. Das ist unsere Basis. Wir fördern eigenverantwortliches Handeln und Teamarbeit.

 

Josip Medjedovic: Wenn wir jetzt annehmen, dass in der Zusammenarbeit der Mitarbeiter nun Innovationen entstehen, es entwickeln sich z. B. neue Ideen. Sind Sie als Management auch bereit, diese Ideen finanziell zu unterstützen, also in diese Mitarbeiter zu investieren, in ihre Vorschläge, ihre Ideen?

 

Martin Schomaker: Ja, das machen wir ganz systematisch. Wir haben das typische Verbesserungsvorschlagwesen, mit dem wir die Ideen sammeln und dann auch entsprechend umsetzen. Die Mitarbeiter erhalten eine Bewertung und dafür auch einen Vorteil. Wenn die Ideen zur Anmeldung von Patenten führen, werden die Mitarbeiter auch am Erfolg beteiligt.

 

 

Josip Medjedovic: Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Stahl AG