Dr. Thomas Olemotz, Bechtle AG

 

Dr. Thomas Olemotz, Vorstandsvorsitzender der Bechtle AG, eines der führenden IT-Dienstleistungsunternehmen in Europa, schildert uns seine Sicht zum Thema Vertrauen und seiner Bedeutung für Geschäftsbeziehungen der Bechtle AG. 

 

Josip Medjedovic: Das zentrale Forschungsthema des Investment Lab ist das Vertrauen zwischen Unternehmen und Investoren und zu dieser Thematik würde ich Ihnen gerne einige Fragen stellen. Ganz allgemein gefragt: Wie definieren Sie Vertrauen und wie wichtig ist es für Sie, Vertrauen sowohl im geschäftlichen als auch im privaten Kontext zu haben? 

 

Dr. Thomas Olemotz: Vertrauen ist für mich im geschäftlichen und privaten Bereich gleichermaßen wichtig. Vertrauen kann ich dann entwickeln, wenn ich von der Zuverlässigkeit einer Person oder Institution überzeugt bin und mich auf ihr Handeln verlassen kann.

Josip Medjedovic: Sie sehen Vertrauen dann auch auf verschiedenen Ebenen? Es ist also nicht nur das persönliche und zwischenmenschliche Vertrauen, es ist auch das Vertrauen auf einer Ebene der Teameinheiten eines Unternehmens?

Dr. Thomas Olemotz: Absolut. Gerade in einem dezentral geprägten Unternehmen wie Bechtle, in dem wir bewusst nicht alles durch Dienstanweisungen regeln wollen und können, wirkt Vertrauen wie eine Art „Steuerungsmechanismus“. Eine verlässliche Vertrauensbasis trägt dazu bei, komplexe Organisationen zu führen. Immer vorausgesetzt, Vertrauen wird auf breiter Basis gelebt und vor allem vorgelebt!

Josip Medjedovic: Nun haben wir uns über das Vertrauen innerhalb des Unternehmens unterhalten. Wie würden Sie Vertrauen in der Beziehung zu Gruppen außerhalb des Unternehmens beschreiben, also konkret zu den Investoren. Wie wichtig ist Ihnen persönlich eine vertrauensvolle Beziehung zu Ihren Investoren?

Dr. Thomas Olemotz: Sehr wichtig! Dies gilt umso, da wir mit der Gründerfamilie Schick über einen Hauptaktionär verfügen, der eine langfristige, unternehmerische Strategie mit seinem Investment verfolgt und dem Unternehmen auf das Engste verbunden ist. Aber auch ganz grundsätzlich ist es so, dass ein Investor Vertrauen in das Unternehmen haben sollte, in das er investiert. Dieses Vertrauen setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen: aus dem Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells, aber natürlich auch in die Führung des Unternehmens. Diese Form des Vertrauens ist besonders wichtig, wenn es um ein langfristiges und unternehmerisch motiviertes Investment geht. Insofern wundert es nicht, dass viele unserer Investoren einen vertrauensvollen Dialog suchen.

Josip Medjedovic: Vier zentrale Werte – Bodenhaftung, Beharrlichkeit Zuverlässigkeit und Begeisterungsfähigkeit – bestimmen die Unternehmenskultur der Bechtle AG. Im Hinblick auf diese Werte, was sind aus Ihrer Sicht die Erfolgsfaktoren für den Aufbau vertrauensvoller Investorenbeziehungen?

Dr. Thomas Olemotz: Die von Ihnen genannten Werte haben für uns im Zusammenhang mit der Führung des Unternehmens eine herausgehobene Bedeutung. Sie haben zwar auch Eingang in die Außenkommunikation gefunden, in erster Linie sollen sie jedoch unseren Mitarbeitern eine gewisse Werteorientierung im Arbeitsalltag vermitteln. Aber natürlich spielt die Werteorientierung für Investoren eine Rolle – nur nicht in dieser Unmittelbarkeit. Die Erfolgsfaktoren beim Aufbau vertrauensvoller Beziehungen zu Investoren sind aus meiner Sicht Transparenz, offene Kommunikation und Authentizität.

Josip Medjedovic: Um noch mal konkret auch auf die Wirkung und Bedeutung von Vertrauen in der Beziehung zwischen Unternehmensführung, Vorstand und Investoren einzugehen, würde ich Ihnen gerne folgende Frage stellen: Welche Bedeutung hat das Vertrauen Ihrer Investoren vor allem in Situationen, in denen Sie unternehmensrelevante Entscheidungen treffen müssen. Fällt es Ihnen da leichter diese zu treffen mit dem Wissen, dass Ihre Investoren Ihnen vertrauen?

Dr. Thomas Olemotz: Ob es leichter fällt oder nicht, darf für Entscheidungen, die eine langfristig erfolgreiche Unternehmensentwicklung betreffen keine Rolle spielen. Ich gebe Ihnen ein kurzes Beispiel: Wir hatten wie viele andere Unternehmen im Geschäftsjahr 2009 eine nicht ganz einfache Situation: Lehman-Krise, schwierige weltwirtschaftliche Verwerfungen, der gesamte Finanzsektor hatte große Probleme. Diese Situation hatte gravierende Auswirkungen auf die Realwirtschaft und damit die Konjunktur. In dieser Zeit haben wir bei Bechtle entschieden, trotz dieser sehr schwierigen Lage, keinen aktiven Personalabbau vorzunehmen, was spürbar zu Lasten des Ergebnisses ging. Das war absolut gegen den Trend und als börsennotierte AG dem Kapitalmarkt nur schwer zu vermitteln. Gerade in dieser Zeit, haben wir die Kommunikation zu unseren Kerninvestoren gesucht, um für diese langfristig orientierte Strategie um Vertrauen zu werben.

Josip Medjedovic: Haben Sie dabei Vertrauen eingebüßt?

Dr. Thomas Olemotz: Nein – ganz im Gegenteil. Im Rückblick hat sich diese Entscheidung als richtig erwiesen. Wir haben in den beiden folgenden Jahren neue Rekorde verzeichnet und die Grundlage dafür genau mit diesem antizyklischen Verhalten gelegt. Die Frage, ob unsere Investoren Verständnis zeigen, hat uns in unseren Entscheidungen seinerzeit nicht primär geleitet. Unternehmerische Entscheidungen dürfen sich nicht eindimensional ausschließlich an der kurzfristigen Investorensicht ausrichten. Sie müssen vielmehr versuchen - und das ist der Job des Managements - die berechtigten Interessen aller Stakeholder langfristig so auszubalancieren, dass sich das Unternehmen erfolgreich entwickelt. Und davon profitieren letztendlich auch die Investoren.

Josip Medjedovic: Wir haben vorhin darüber gesprochen, wie wichtig die vier zentralen Werte von Bechtle für die Orientierung der Mitarbeiter im Unternehmen sind. Es ist ja häufig so, dass die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens auch zentral von den Mitarbeitern abhängt und ihrer Bereitschaft, unternehmerisch zu denken. Nun würde ich gerne von Ihnen wissen: Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass Mitarbeiter unternehmerisch denken und agieren? Und, wenn es wichtig ist, wie unterstützen Sie dieses unternehmerische Gedankengut im Unternehmen? Dazu die Stichworte Intrapreneurship und Corporate Venture Capital.

Dr. Thomas Olemotz: Das unternehmerische Denken der Mitarbeiter ist ein ganz wesentlicher Erfolgsfaktor. Für uns gilt das in besonderem Maß, weil wir ein Unternehmen sind, das auch nach 30 Jahren immer noch stark gründergeprägt ist. Unternehmertum ist bei Bechtle gewissermaßen in der Genetik verankert. Annähernd hundert europaweit tätige Gesellschaften gehören zur Bechtle Gruppe. Jeder Gesellschaft steht ein eigenverantwortlicher Geschäftsführer vor. Dieses System funktioniert nur, wenn Sie unternehmerische, dezentrale Verantwortung zulassen und einfordern. Und es funktioniert im Übrigen auch nur, wenn ein Vertrauensverhältnis vorhanden ist.

Josip Medjedovic: Wie incentivieren Sie Unternehmertum?

Dr. Thomas Olemotz: Durch eine konsequente, ergebnisorientierte Bezahlung. Die Betonung liegt hier allerdings auf ergebnisorientiert, nicht leistungsorientiert. Ergebnisorientiert bedeutet, dass wir sehr gute Gehälter zahlen, wenn das Ergebnis stimmt. Wir versuchen, dieses Unternehmertum durch eine möglichst unmittelbare unternehmerische Incentivierung im Unternehmen zu verankern. Die einfachste Messgröße ist das EBT, das Vorsteuerergebnis. Das ist auch aus Sicht eines eigentümergeführten Unternehmens die zentrale Kennzahl und genau deshalb liegt sie als Maßstab nahe, wenn man Unternehmertum im Unternehmen fördern will.

Josip Medjedovic: Vielen Dank für das interessante Gespräch.

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