Dr. Stefan Wolf, Vorstandsvorsitzender der ElringKlinger AG, ein weltweit aufgestellter, unabhängiger Entwicklungspartner und Erstausrüster für Zylinderkopf- und Spezialdichtungen, Kunststoffgehäusemodule, Abschirmteile für Motor, Getriebe, Abgasanlage und den Unterboden, Abgasreinigungstechnologie sowie Batterie- und Brennstoffzellenkomponenten, schildert uns seine Sicht zum Thema Vertrauen.

 

Ute Nonnenmacher: Wie definieren Sie Vertrauen? Wie wichtig ist für Sie Vertrauen sowohl im geschäftlichen als auch im privaten Kontext?

 

Dr. Stefan Wolf: Das wesentliche Element von Vertrauen ist für mich Verlässlichkeit. Das heißt, dass ich mich letztendlich auf Aussagen und gesteckte Ziele verlassen kann. Das Ganze selbstverständlich in einem langfristigen Kontext – Vertrauen muss sich aufbauen, das ist nicht sofort da. Ein neuer Investor zum Beispiel, muss erst das Unternehmen kennenlernen, überprüfen, ob Aussagen auch eingehalten werden. So entsteht ein Vertrauensverhältnis. Prognosen, Aussagen, Ziele, die wir uns als Management setzen, die überprüfen wir zuerst sehr intensiv intern, inwieweit diese erreichbar sind. Wenn man immer wieder Dinge gegenüber Investoren kommuniziert, die dann nicht erreicht werden, dann fehlt eben das Vertrauen in das Unternehmen und letztendlich ins Management. Vertrauen hat natürlich auch sehr viel mit persönlichen Beziehungen zu tun. Deswegen ist es mir besonders wichtig, dass ich sehr viel mit Investoren persönlich ins Gespräch komme, dass wir uns auf Kapitalmarktkonferenzen und auch auf Veranstaltungen präsentieren und so auch über die persönliche Schiene ein Vertrauensverhältnis aufbauen.

 

Ute Nonnenmacher: Wie wichtig ist Ihnen persönlich eine vertrauensvolle Beziehung zu Ihren Investoren? Welche positiven Nutzen sehen Sie in der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Ihren Investoren? Können Sie uns hier eigene Erfahrungen nennen?

 

Dr. Stefan Wolf: Ich glaube, dass sich sowohl institutionelle als auch private Investoren auf gemachte Aussagen und gesteckte Ziele verlassen müssen, so wird letztendlich ein Vertrauensverhältnis zum Unternehmen aber auch zum Management aufgebaut. Bei der ElringKlinger AG ist es ja so, dass der „Freeflow“ relativ klein ist, weil die Gründerfamilie eben 52 % hält. Wir haben viele langfristig orientierte Investoren die aus der Historie heraus wissen, dass wir es immer wieder schaffen, den Kurs nach oben zu bringen und dass wir eben langfristig erfolgsorientiert arbeiten, sehr zielorientiert sind, was das Thema Verzinsung des eingesetzten Kapitals oder auch das Erwirtschaften von einer überdurchschnittlichen Rendite angeht. Aus unseren Erfahrungen heraus ist es wichtig, dass man die Investoren immer informiert hält, regelmäßig kommuniziert – auch mal zwischen den Quartalsberichten. Vertrauensvolles Umgehen miteinander hat auch immer etwas mit Historie zu tun, mit Erfahrungen aus der Vergangenheit. Wenn man am Kapitalmarkt öfter enttäuscht wird, dann ist es unheimlich schwierig dieses Vertrauen wieder aufzubauen. Insofern ist es wichtig, dass man Ziele auch so realistisch definiert, dass sie auch erreichbar sind.

 

Ute Nonnenmacher: Was sind aus Ihrer Sicht Erfolgsfaktoren für den Aufbau vertrauensvoller Investorenbeziehungen?

 

Dr. Stefan Wolf: Erst einmal das Thema Verlässlichkeit und eine sehr starke Kommunikation mit den Investoren. Vor allem Informationen, auch über die reinen Pflichtinformationen hinaus. Eigentlich kann man sich ja zurücklehnen und sagen, man macht den Geschäftsbericht und die Quartalsberichte und das war es dann eben. Aber wir gehen eben den Weg, im Geschäftsbericht deutlich mehr zu berichten als man eigentlich muss. Wir haben einen sehr umfassenden Nachhaltigkeitsbericht darin. Wir zeigen, wie sich zum Beispiel der CO2-Verbrauch im Konzern entwickelt oder der Wasserverbrauch. Wie gehen wir mit umweltschädlichen Lösemitteln um, wie können wir das reduzieren? Wie reduzieren wir auch Materialien, die einen gewissen Einfluss auf die Umwelt haben? Oder auch das soziale Engagement der Firma. Für uns ist es auch ganz wichtig zwei Veranstaltungen pro Jahr für Privatanleger zu machen. Über diese Kommunikationsschiene, die wir in den letzten Jahren aufgebaut haben, ist ein relativ hohes Vertrauensverhältnis entstanden. Vertrauen muss gelebt werden, gelebte Kommunikation, gelebte Transparenz. Also auch Transparenz ist ein sehr wichtiger Begriff in Bezug auf Vertrauen.

 

Ute Nonnenmacher: Welche Bedeutung hat für Sie das Vertrauen Ihrer Investoren in Situationen, in denen Sie unternehmensrelevante Entscheidungen treffen müssen? Fällt es Ihnen leichter diese zu treffen mit dem Wissen, dass Ihre Investoren Vertrauen in Sie haben?

 

Dr. Stefan Wolf: Ja, das ist sehr wichtig. Vor allem wenn wir einmal umstrittenere Entscheidungen treffen. Als Beispiel, unser Teilespektrum ist sehr stark auf Verbrennungsmotoren ausgerichtet. Ich bin der Auffassung, dass wir die nächsten 20 Jahre alle noch mit Verbrennungsmotor fahren werden, aber es kommt natürlich ein bisschen Elektromobilität, es kommen Brennstoffzellenthemen. Wir sind vor ein paar Jahren in das Thema Brennstoffzellen reingegangen, in das Thema Zellverbinder auf für Lithium-Ionen-Batterien für Elektrofahrzeuge. Das ist was gänzlich Neues, was wir noch nie vorher gemacht haben. Wenn man da weiß, dass man eine Investorenbasis hinter sich stehen hat, die Vertrauen zum Management hat, dann tut man sich leichter mit solchen Entscheidungen. Insofern ist es schon wichtig zu wissen, dass eben die Unternehmensstrategie und auch die Unternehmensentwicklung in Bezug auf neue Produkte, in Bezug auf neue Märkte, auf das Wachstum der nächsten Jahre, von den Investoren mitgetragen wird. Wenn dann die Investoren hinter dem Unternehmen stehen, dann steht die Entscheidung auf einer breiteren Basis.

 

Ute Nonnenmacher: Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass Mitarbeiter unternehmerisch denken und agieren? Wie forcieren Sie dieses unternehmerische Gedankengut in Ihrem Unternehmen? Dazu die Stichworte Intrapreneurship und Corporate Venture Capital

 

Dr. Stefan Wolf: Es ist ganz essentiell, dass Mitarbeiter unternehmerisch denken. Wir fördern dies über Organisationsmechanismen, wie zum Beispiel unsere Matrixorganisation. Das heißt, wir haben für bestimme Produkte Geschäftsbereiche. Der Geschäftsbereichsleiter ist verantwortlich für seinen Geschäftsbereich weltweit. Sie müssen sich das so vorstellen: Wir haben bei ElringKlinger lauter kleine virtuelle Unternehmen. Die Geschäftsbereiche Zylinderkopfdichtungen, Spezialdichtungsbereich, Abschirmtechnik, Kunststoffgehäuseteile, freies Ersatzteilgeschäft werden von den Geschäftsbereichsleitern wie ein eigenes Unternehmen geführt. Ganz wichtig ist hierbei, das Entlohnungsgeschäft so auszurichten, dass unternehmerisch gedacht wird. Weil jeder Unternehmer ein gewisses Risiko trägt. Wenn ein Geschäftsbereichsleiter eben eine falsche unternehmerische Entscheidung trifft, dann muss er das auch merken. Das ist bei uns dann so ausgestaltet, dass wir eine gute akzeptable Grundvergütung mit einem relativ hohen Bonussystem haben. Der Bonus ist eben gekoppelt an Kennzahlen, die erreicht werden müssen und zwar weltweit global gesehen. Der Erfolg eines Unternehmens hängt immer ganz extrem davon ab, inwiefern die Schlüsselmitarbeiter und das Management unter dem Vorstand unternehmerisch denken. Je ausgeprägter diese Ebene unternehmerisch denkt, umso erfolgreicher ist das Unternehmen auch. Über diese Organisation und auch darüber hinaus, dass diese gelebt wird - also mit den Bereichsleitern immer wieder kommunizieren, sie animieren unternehmerisch zu denken - sind wir auf einem relativ hohen Niveau angekommen. Ich kann sagen, dass alle Geschäftsbereichsleiter wirklich Unternehmer sind, die ihren Bereich wirklich gut voranbringen – zum Beispiel mit neuen Produkten, neue Märkte erforschen, neue Kunden erschließen, auch permanent schauen, wie kann man noch besser werden. Das klassische unternehmerische Denken, wie mache ich mein Unternehmen noch besser in der Zukunft, dass ist eben extrem hoch ausgeprägt bei uns. Insofern, absolut wichtig, dass Mitarbeiter unternehmerisch denken. Das ist das A und O!

 

Ute Nonnenmacher: Vielen Dank für das interessante Gespräch.