Gemeinsam mit der Deutschen Asset Management führt das Investment Lab aktuell ein wissenschaftliches Projekt zum Thema „Investorenvertrauen“ durch. Hierzu ein paar Fragen an Stefan-Guenter Bauknecht zu dieser Thematik:

 

Ute Nonnenmacher: Was verbinden Sie mit dem Begriff „Vertrauen“ im Allgemeinen? Wie wichtig ist es für Sie, dass man Ihnen vertraut?

 

Stefan-Guenter Bauknecht: Vertrauen können ist eine essentielle Basis für alle Beziehungen, ob im privaten oder im beruflichen Bereich. Vertrauen ist wichtig für seelisches und körperliches Wohlbefinden. Entscheidend ist dabei die Vertrauensgrundlage, also Erfahrungen, die man gemacht hat mit Personen oder Institutionen. Persönlich unterscheide ich zwei Aspekte von Vertrauen: 1. Vertrauen in mich selbst und die eigenen Fähigkeiten und 2. Vertrauen zu anderen Menschen. Dabei spüre ich, dass hohes Selbstvertrauen auch dazu führt, dass ich eher Vertrauen gegenüber anderen entgegenbringe.

 

Ute Nonnenmacher: Fokussieren wir uns auf die Interaktion mit Ihnen und den Unternehmen, in die Sie investieren. Für wie wichtig erachten Sie es, dass zwischen Ihnen als institutionellen Investor und dem Vorstand eines Unternehmens ein vertrauensvolles Verhältnis besteht? Wie drückt sich dieses Investorenvertrauen aus Ihrer Sicht aus?

 

Stefan-Guenter Bauknecht: Wir sind als treuhänderische Investoren an langfristigen Geschäftsbeziehungen interessiert. So begleiten wir das Management eines Unternehmens über viele Jahre hinweg und führen regelmäßig Gespräche. Grundlage sind dabei spieltheoretische Ansätze, die zeigen, dass Multispiele zu wesentlich höherer Kooperationsbereitschaft führen als Einmalspiele. Die aus den Gesprächen gewonnenen Informationen fließen in die Entscheidungsfindung ein, ob wir in ein Unternehmen investieren oder nicht. Vertrauen ist hierbei ein wichtiger weicher Faktor. Weitere relevante Einflussgrößen sind, die Qualität der Unternehmensführung, die Kommunikation, sowie die Integrität und Kompetenz des Managements. Eine vertrauensvolle Beziehung bewirkt u. a. einen verbesserten Austausch von Informationen. Wirtschaftlich werden so „Kontroll- und Transaktionskosten“ gesenkt. Bei diesen Gesprächen weisen wir auch deutlich auf Entwicklungen im Unternehmen hin, die unserer Meinung nach nicht im Aktionärsinteresse sind. Dabei vertreten wir nicht einen reinen Shareholder Value-Ansatz, sondern berücksichtigen im Rahmen unseres Environmental, Social and Governance-Rahmenwerks (ESG) die Interessen aller „ Stakeholder". Darin drückt sich unsere Überzeugung aus, dass Unternehmen, die auch in Bereichen der Nachhaltigkeit Erstklassiges leisten, langfristig eine höhere Rendite auf das investierte Kapital erwirtschaften.

 

Ute Nonnenmacher: Können Sie beispielhaft je eine Ihrer Investorenbeziehung beschreiben, die durch ein hohes bzw. niedriges Vertrauen gekennzeichnet ist? Wie hat sich die jeweilige Beziehung retrospektiv entwickelt? Gab es in diesen Beziehungen prägende Ereignisse, die Ihr Vertrauen beeinflussten?

 

Stefan-Guenter Bauknecht: Zu einzelnen Investorenbeziehungen kann ich nichts sagen. Ganz vereinfacht gesagt: in einem vertrauensvollen Verhältnis ist „vieles leichter“, und verlorenes Vertrauen ist schwer wieder aufzubauen. Die Praxis gibt dem Lebensgefühl recht: Unternehmen mit einer langfristigen guten und vertrauensvollen Unternehmensführung weisen eine höhere Rendite als der Index auf. Die Kontrollmechanismen des Marktes funktionieren ganz gut und Unternehmen, deren Vorstände das Vertrauen des Marktes verloren haben, handeln in aller Regel mit einem Bewertungsabschlag gegenüber ihrer Vergleichsgruppe. Negativ auf das Vertrauen wirkt beispielsweise, wenn ein Unternehmen eingestehen muss, ihre mittelfristigen Ziele nicht zu erreichen, oder wenn nicht mit der strategischen Ausrichtung des Unternehmens vereinbarte Akquisitionen überteuert sind. Ein sofortiger, nicht umkehrbarer Vertrauensverlust tritt bei Verdacht von Manipulationen und unfairen Geschäftspraktiken, wie z. B. Preisabsprachen, oder Bilanzfälschung ein. Dann kann nur ein Abgang des Managements weiteren Schaden von dem Unternehmen abzuwenden.

 

Ute Nonnenmacher: Welche Konsequenzen hätte es für Sie, rein persönlich, wenn Sie mangelndes Vertrauen spüren bzw. erleben? Basierend auf welchen Eindrücken bewerten Sie das Ihnen entgegengebrachte Vertrauen?

 

Stefan-Guenter Bauknecht: Vertrauensbeziehungen sind wechselseitig, beinhalten also auch die Selbstreflexion. Jeder sollte sich selbst hinterfragen, ob von falschen Erwartungen ausgegangen wurde, oder welche meiner Handlungen hat zu der Störung des Vertrauens beigetragen? Manchmal lässt man sich auch von Vorurteilen leiten, also geht „vorbelastet“ und nicht „vorbereitet“ in eine Situation. Dann geht es darum, über Offenheit und regelmäßige Kommunikation mögliche Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Entscheidend für die weitere „Beziehung“ ist aber auch welche Art der Vertrauensform man unterstellt und auf welchen Feldern die Interaktion stattfindet. Im privaten Bereich sollte man sich dann eventuell eingestehen, dass ein weiterer Kontakt nicht vertieft werden sollte. Da dieser Weg im beruflichen Umfeld ungeeignet ist, sollte man eher die Emotionen zurückdrängen und einen professionellen Umgang pflegen. Hier spielen letztlich andere Dimensionen eine Rolle wie zum Beispiel die Nachhaltigkeit der Geschäftsbeziehung und die Analyse eines Interessenkonfliktes, also bestehen beispielsweise asymmetrische Informationen und welche Kontrollmechanismen sind für ein erfolgreiches Konfliktmanagement notwendig.

 

Ute Nonnenmacher: Die Deutsche Asset Management unterstützt das Investment Lab aktiv beim Forschungsprojekt „vertrauensvolle Investorenbeziehungen“. Wie wichtig ist es für Sie, das Thema Vertrauen im Investorenkontext zu erforschen?

 

Stefan-Guenter Bauknecht: Vertrauen ist für uns als aktiver Portfoliomanager eine essentielle Größe bei der Entscheidungsfindung. Es handelt sich um einen qualitativen Faktor, der nur schwer zu quantifizieren ist. Wir begrüßen und unterstützen daher die Forschung zu diesem Thema.