Ute Nonnenmacher: Sie sind Gründer mehrerer erfolgreicher Start-Ups im Bereich Biotechnologie. Basierend auf Ihrem reichhaltigen Erfahrungsschatz: Was sind die zentralen Fähigkeiten, die ein erfolgreicher Gründer haben sollte, um langfristig erfolgreich zu sein?

 

Prof.  Dr. Dr. Riesner: Die Kurzantwort wäre eine gute tragfähige wissenschaftliche Idee. Eine ganz wichtige Eigenschaft ist Teamfähigkeit und Ausdauer. Wenn man im Life-Science-Bereich eine Firma gründet, dann muss man eine innovative Idee haben, man muss sagen, hier fehlt etwas im Markt oder hier haben wir etwas Neues. Das können wir entwickeln und es wird irgendwann tragfähig werden, weil andere Leute das gebrauchen werden.  So eine Überlegung muss am Anfang stehen. Es ist eng damit verbunden, dass man diese Idee nicht alleine haben muss, sondern dass man sie im Team entwickelt. Da ich ein typischer Universitärer bin, ich war ja bis zur Pensionierung immer Institutsdirektor, habe nie den Job aufgegeben. War neben meinen Wirtschaftsbeziehungen Dekan, Fachbereichsleiter, Prorektor für Forschung. Also ich habe alle universitären Aufgaben, selbst Verwaltungsaufgaben, weiterhin wahrgenommen und habe das ganze aus der Universität heraus betrieben. Die Qiagen AG, unser erfolgreichstes Kind, ist mit drei ehemaligen Doktoranden zusammen gegründet worden. Die innovativen Ideen sind aus den Diskussionen und zum Teil aus deren Doktorarbeiten entstanden. Mir fiel manchmal natürlich die Rolle des Ältesten zu, der auch moderieren musste. Die Teamfähigkeit also unter den Gründern ist ganz entscheidend. Eine weitere wichtige Eigenschaft ist Ausdauer. Ganz typisch, wenn das Anfangskapital verbraucht hat, die Entwicklung dauert immer länger als man glaubt. Das heißt, die Rückflüsse vom Markt kommen noch nicht. Nachfinanzieren - wir mussten nachfinanzieren. Ich glaube viele andere auch und das sind die schwierigen Situationen, wo man Durchhaltevermögen haben muss, wo man nach neuen Lösungen suchen muss.

 

Ute Nonnenmacher: Was waren aus Ihrer Sicht die größten Management Herausforderungen bei Ihrer Tätigkeit als Biotechnologie-Unternehmer?

 

Prof. Dr. Dr. Riesner: Managementherausforderungen lassen sich sehr klar sagen. Als wir 4 Wissenschaftler die Firma gegründet haben, kam sehr bald ein  Erfahrener aus der Industrie dazu, der aber auch Wissenschaftler war. Also die Wissenschaftler brauchen einen erfahrenen Manager und auch einen erfahrenen Finanzmanager. Das ist nicht ganz einfach. In allen Vorträgen, die ich später gehalten habe, habe ich immer darauf hingewiesen,  dass ein Gründerteam möglichst immer einen Wirtschaftler dabei haben sollte.  Ist seltsam, dass an Universitäten, wo so viele Wirtschaftler ausgebildet werden, relativ wenige sich mit Naturwissenschaftlern zusammentun und sagen wir machen das zusammen. Die Betriebswirtschaftler wollen ja in große Unternehmen gehen, oder wollen ein eigenes Beratungsunternehmen. Diesen Ansporn zu sagen, ja wir gehen in eine Neugründung rein, wo Produkte entwickelt werden, was natürlich Zeit kostet. 

Die nächste Erfahrung. Wir machten bei der Qiagen guten Umsatz und weil noch die wirtschaftliche Erfahrung fehlte, machten wir zu wenig Gewinn. Dann gelang es uns doch einen hervorragenden jungen Finanzmann dazu zu gewinnen, der heutige Vorstandsvorsitzende. Er brachte die ganzen Erfahrungen mit den Finanzen mit. Da Qiagen die größten Umsätze schon in Amerika machte, war das natürlich ganz entscheidend,  dass diese internationalen Erfahrungen schon da waren und dann wurde auch Gewinn gemacht.

 

Ute Nonnenmacher: Im Verlauf Ihrer unternehmerischen Laufbahn mussten Sie zahlreiche Entscheidungen fällen. Gibt es hierbei rückwirkend betrachtet Entscheidungen, die Sie so nicht mehr treffen würden?

 

Prof. Dr. Dr. Riesner: Die gibt es bestimmt. Sie müssen auch bedenken, ich war ja nie im Management, bei keinem Unternehmen. Ich war immer in den Beratungsgremien, im Aufsichtsrat – also wirklich kontrollierende Tätigkeiten. Es gibt durchaus Entscheidungen, die ich heute nicht mehr so fällen würde, die wurden dann aber schon gemeinsam in einem großen Gremium entschieden. Für mich alleine war die Hauptentscheidung, dass ich nie ins Management gegangen bin, sondern immer meinen Hauptsitz an der Universität beibehalten habe und von da aus agiert habe. Diese Entscheidung habe ich nicht bereut. Diese Entscheidung haben Kollegen hier, an der gleichen Universität anders getroffen. Die sind nebenbei ins Management gegangen, dann ist das nicht so gut gelaufen. Für mich hat sich erwiesen, dass es richtig war, Management und Universität klar voneinander zu trennen. Es sind beides Fulltime-Jobs und man kann nicht zwei Fulltime-Jobs haben.

 

Ute Nonnenmacher: Sie beraten aktuell noch zahlreiche Biotechnologie Unternehmen. Mit welchen Herausforderungen sehen sich diese Unternehmen konfrontiert? 

 

Prof. Dr. Dr. Riesner: Die Unternehmen sehe ich eigentlich mit drei Arten von Herausforderungen konfrontiert. Einmal, dass die Entwicklungsphase länger dauert als erwartet. Sie müsse dann durch dieses Tal gehen, von dem ich schon gesprochen habe. Die zweite Herausforderung ist, dass sie ihre Entwicklung auch ändern müssen, dass sie ihre Konzepte ändern müssen, weil wenn sie näher an den Markt kommen. Sie sehen dann doch, dass ihre Produkte anders am Markt sein müssen als vorausgesehen. Man muss denken, bei Qiagen war es nicht so. Da war diese Lücke zwischen Start und Markt vielleicht 3 bis 4 Jahre. Das heißt, da ändert sich viel von der Gründung bis zur Marktreife, also es muss laufend angepasst werden. Das ist eine ganz spezielle Herausforderung. Die dritte Herausforderung sehe ich jetzt bei den Firmen, die eigentlich viel dichter am Markt starten, als die industrielle Biotechnologie. Hier ändert sich die Konkurrenz sehr stark. Die haben gute Ideen, die Ideen sind aber nicht so einmalig, dass auf einmal nicht die Ideen in China produziert werden. So ändert sich innerhalb von kurzer Zeit das Konkurrenzfeld enorm.

 

Ute Nonnenmacher: Was sind aus Ihrer Sicht die großen Trends in der Biotechnologie - bezogen auf die kommenden 10 Jahre? 

 

Prof. Dr. Dr. Riesner: Es ist zweifelslos, dass die Biotechnologie neue Methoden für die Krebsdiagnostik entwickelt und da ist sie kräftig dabei. Das ist die personalisierte Krebsbehandlung. Nur durch die Biotechnologie, die möglich ist. Das durch die Diagnostik festgestellt werden kann, welches auf dem Markt befindliche Medikament am besten für eine bestimmte Person wirkt. Also die genetische Prädisposition des Patienten in Betracht zieht. Zweitens, dass man aufgrund der genetischen Prädisposition das Medikament anpasst. Also nicht das vorhandene Medikament auswählt, sondern das Medikament anpasst. Das ist zurzeit die ganz aktuelle Herausforderung, wo mehrere Firmen dran sind. Das sie schauen, welcher Krebs ist das? Und dafür erst und zwar schnell und routiniert den entsprechenden Antikörper oder das Gegenmittel entwickeln. Die weitere große Herausforderung, die ich sehe, da bin ich etwas mitbeteiligt, das ist in der Neurologie. Neurodegeneration, also Alzheimer, Parkinson. Da hat sich ein ganz neues Konzept entwickelt. Ende der neunziger Jahre wurden ganz entscheidende Fortschritte gemacht, dass man diese Krankheiten, teilweise zumindest, bei Tieren abbilden kann. Stichwort ist die Alzheimer Maus. Man hat ein Gen für die Maus entwickelt, die die Alzheimer-Krankheit hat. Damit hatten die Leute zum ersten Mal die Möglichkeit Tierexperimente für die Alzheimerkrankheit durchzuführen. Vorher war das ja immer nur ein bisschen Variation der Symptome. Woher kommt dieser Fortschritt? Der kommt natürlich aus der Prionenforschung, und da bin ich seit Anfang der 80iger Jahre involviert. Prionenforschung war eine esoterische Forschung an Schafskrankheiten. Später wurde sie deutlich weiter verbreitet als die Rinderseuche aufkam, was ja eine Prionenkrankheit ist. Da war auf einmal das große Problem da, wo dieses Konzept, dass Proteine falsch gespaltet werden und letztlich sich im Körper ausbreiten und vor allem im Gehirn. Zu diesen schwerwiegenden Neurodegenerationen führen, dieses Konzept wurde dann im humanen Bereich übernommen. Das ist wissenschaftlich eine hochinteressante Entwicklung, dass der humane Bereich vollkommen auf den Tierbereich zurückgreift. Heute sind wir soweit, dass ich voraussagen kann, in 5 Jahren wird es die ersten guten Alzheimermedikamente geben. Aber erst in 5 Jahren. Das war vor 2, 3 Jahren viel pessimistischer.

 

Ute Nonnenmacher: Unterstützt Qiagen junge Start-Ups, investiert Qiagen in Start-Up Unternehmen?

 

Prof. Dr. Dr. Riesner: Qiagen unterstützt teilweise Start-Ups. Qiagen hat selber etwas in den HighTech Gründerfonds investiert und hat auch z. B. Joint-Ventures mit jungen Start-Up-Unternehmen. Aber dazu muss man sagen, Qiagen ist eine public company. Die können nicht einfach wie Mäzene auftreten und jetzt sagen, wir haben genug Geld, wir geben das Geld jetzt jungen Firmen. Die shareholder würden denen dann auf die Finger klopfen und sagen, das Geld gehört uns. Qiagen kann sponsern. Kurzfristig können sie natürlich junge Firmen unterstützen durch Anteilkauf usw. 

Langfristig muss die Firma sich davon einen Gewinn erhoffen. 

Als Gründer, wo ich auch später mit meinen Gründer-Aktien privat Geld verdient habe, kann ich mich als Stifter betätigen. Was ich auch gemacht habe. Vor allem hier für meine Universität, kann man als Mäzen auftreten.

 

Ute Nonnenmacher: Vielen Dank, Herr Prof. Riesner, für das interessante Interview.