Die epigenomics AG ist ein Molekulardiagnostik-Unternehmen mit dem Fokus auf Bluttests zur Früherkennung von Krebs. Auf Basis ihrer patentgeschützten Technologie entwickeln und vermarkten sie diagnostische Produkte für verschiedene Krebsindikationen mit hohem medizinischem Bedarf. Das Hauptprodukt Epi proColon®, ist ein Bluttest zur Darmkrebs-Früherkennung und wird bereits in Europa und China vermarktet. Darüber hinaus befindet sich Epi proColon® derzeit im Zulassungsverfahren für den US-Markt. Epigenomics ist ein internationales Unternehmen mit Standorten in Europa und den USA.

 

 

Ute Nonnenmacher: Welche Herausforderungen sehen Sie im Management eines Biotechnologie-Unternehmens?

 

Dr. Thomas Taapken: Ich kann das vor allem aus Sicht der epigenomics beschreiben und es ist so, wie in jedem anderen Unternehmen auch, dass Herausforderungen existieren im operativen Alltag. Ein Unternehmen zu führen, in einfachen und auch in schweren Zeiten, sind die typischen Herausforderungen, die wahrscheinlich jedes Unternehmen kennt. Insbesondere in der Biotechnologie kommt das Thema Kapitalbeschaffung dazu. Und Kapitalbeschaffung ist in der Tat aus unserer Sicht eines der Schlüsselaufgaben und Herausforderungen, da es letzten Endes eine sehr zeitintensive Aktivität ist. Diese tangiert auch das Thema Vertrauen in die Investorenschaft sehr stark. Da muss man sehr viel Arbeit leisten, sehr viele Gespräche führen, sehr viel Präsenz zeigen um Vertrauen bei den Investoren zu entwickeln und Beziehungen aufzubauen - auch ein Unternehmen dann in schweren Zeiten finanzieren zu wollen. Für die epigenomics war das in den letzten Jahren eine Hauptherausforderung; wie auch für viele Unternehmen in der Branche.

 

Dr. Jochen Becker: Investorenvertrauen ist ja auch ein zentrales Forschungsthema des Investment Lab. An welchen Faktoren machen Sie fest, dass Investoren Ihnen vertrauen. Gibt es Signale, die Ihnen sagen, dass das Vertrauen in die epigenomics wirklich tragend ist? Spüren Sie das in den One-on-One’s?

 

Dr. Thomas Taapken: Das hängt zum einen natürlich von der Art der Beziehungen ab, die wir mit den Investoren haben. Ganz konkret ist es so, dass wir, als epigenomics immer wieder in Situationen waren, wo wir Kapitalmaßnahmen durchführen mussten. Dies ist uns auch immer wieder in Zeiten geglückt, in denen der Kapitalmarkt vielleicht nicht so positiv eingestellt war und wo Skepsis eher regierte als Euphorie. Wenn es in einem solchen Umfeld gelingt, dann ist es meines Erachtens ein klares Zeichen dafür, dass die Investoren auch das Vertrauen in das Unternehmen haben. Um sich das aufzubauen müssen wir auch viel dafür tun. Wenn ich mir überlege, dass wir im Jahr etwa 200 bis 250 One-in-One-Meetings mit Investoren machen, dann gibt es vielleicht so ein bisschen das Gefühl wie viel Zeit wir dafür aufwenden. Wir machen das eben auch nicht nur dann, wenn wir Geld suchen, sondern es ist viel wichtiger zu den Investoren zu gehen, wenn man kein Geld braucht, um dann, wenn man mal welches braucht, zu diesen wieder zurückkehren zu können.

 

Dr. Jochen Becker: Gibt es Situationen, bei denen Sie merken, dass Vertrauen der Investoren fehlt?

 

Dr. Thomas Taapken: Natürlich, ja. Das ist wie beim Angeln, Sie werfen die Angelleine aus und nicht jedes Mal ist ein Fisch dran. Ich denke mir es ist zumindest gut, wenn die Leute, selbst wenn sie eine negative Meinung haben, aus einem Meeting herausgehen und das Unternehmen auf dem Radar behalten. Es wird immer wieder eine zweite oder dritte Chance geben, sich kennen zu lernen. Es gibt ein sehr gutes praktisches Beispiel. Wir haben einen US-Investor, der sich in der Vergangenheit immer relativ skeptisch geäußert hat. Bei einer Finanzierung, die wir vor 3-4 Jahren gemacht haben, hat dieser sich sehr hart uns gegenüber gezeigt. Der Investor hat dann immer wieder diese Story von uns gehört und hat dieses Jahr tatsächlich auch am Markt angefangen, Aktien zu kaufen. Das heißt, wenn es vor 2 Jahren nicht so weit war, ist es 2 Jahre später gelungen, diesen Investor davon zu überzeugen, dass es eine interessante Story für ihn ist. Daher machen wir oft Update-Meetings, die dafür Sorge tragen, dass die Investoren das Gefühl haben kümmert sich sie und man weiß es zu schätzen, dass sie das Geld anderer Leute - das Vertrauen - in das Unternehmen gesteckt haben. Ich weiß, dass wir das Geld, dass wir hier zur Verfügung haben, das Geld anderer Leute ist. Ich sehe das als meine Verpflichtung, den Leuten, die das bereitstellen, auch regelmäßig zu sagen wo wir stehen, was gut läuft, aber auch was nicht so gut läuft. Da muss man eben auch offen kommunizieren und den Leuten reinen Wein einschenken und nicht irgendwelche Märchen erzählen. Denn damit kommt man auf Dauer nicht durch.

 

Ute Nonnenmacher: Welches sind aktuell die zentralen externen Faktoren, mit denen Sie sich als Vorstand der epigenomics AG befassen? Wie gehen Sie mit diesen konkret um?

 

Dr. Thomas Taapken: Unsere Equity Story ist sehr stark dominiert von unseren Bemühungen für unser Hauptprodukt „Epi proColon“ in den USA die Zulassung von der FDA zu bekommen. Für uns ist die Interaktion mit der FDA und der ganze regulatorische Prozess sicherlich einer der externen Faktoren, die über Gedeih und Verderb des Unternehmens letzten Endes entscheiden werden. Das ist insoweit ein externer Faktor, weil wir die Entscheidung der FDA an der Stelle ja nicht beeinflussen können. Wir können nur unterstützend die Daten zur Verfügung stellen, die sie brauchen um ihre Entscheidung zu treffen. Das ist ein ganz wesentlicher Erfolgs- oder Misserfolgsfaktor, sagen wir es ganz offen und insofern ist das eins der wichtigsten an der Stelle. Wie gehen wir damit um – das ist eine sehr gute, sehr schwierige Frage. Wir versuchen mit Zuversicht zu kommunizieren, dass wir hier auf einem guten Weg sind. Wir sind ja auch davon überzeugt, dass es so ist. Gleichzeitig darf man aber nicht das Gefühl geben, als sei alles in trockenen Tüchern, als gäbe es gar keine Risiken mehr in diesem Prozess. Ich glaube man muss hier dem Kapitalmarkt vermitteln, dass wir schon stark an das glauben was wir tun.

 

Ute Nonnenmacher: Sie verfügen über eine langjährige Erfahrung im Management von Biotechnologie-Unternehmen. Was sind aus Ihrer Sicht die besonderen Fähigkeiten und Eigenschaften, die einen erfolgreichen Unternehmer/Manager in dieser Branche auszeichnen?

 

Dr. Thomas Taapken: Eigentlich müssten Sie jemand Externes fragen, vielleicht einen Investor, wer aus seiner Sicht ein guter oder ein schlechter Manager ist. Wichtig ist es in einem Unternehmen wie unserem, dass man bereit ist, die Ärmel hochzukrempeln und Verantwortung anzunehmen. Das heißt, sich nicht zu benehmen wie in einem Großkonzern, wo man versucht Verantwortung von links nach rechts zu schieben. Die meisten Unternehmen in unserer Branche sind kleine Unternehmen, die vom Start-up etwas größer geworden sind, die aber immer noch überschaubar sind. Das erfordert, dass jeder bei jedem Thema mit anpackt und das beiträgt, was er beitragen kann. Der Wille, Hand anzulegen und nicht zu hoffen, dass irgendjemand anderes es macht ist entscheidend. Man muss natürlich auch ein gewisses Maß an Enthusiasmus und Optimismus mitbringen. Diese Industrie ist davon geprägt, dass hier natürlich nicht jedes Projekt was man anfasst am Ende von Erfolg gekrönt ist. Man muss auch Rückschläge einstecken können und wieder aufstehen. Das erfordert auch einen gewissen Charakter, dass man einen Weg nach vorne sucht. Das ist meiner Meinung nach ganz essentiell.

 

Ute Nonnenmacher: Was sind aus Ihrer Sicht die großen Trends in der Biotechnologie - bezogen auf die kommenden 10 Jahre?

 

Dr. Thomas Taapken: Ich habe gerade von Optimismus gesprochen, aber ich fange jetzt gleich mit etwas sehr Negativem an. Ich glaube, eine der ganz großen Entwicklungen, die wir sehen werden oder die sich schon klar abzeichnen, ist die Tatsache, dass die Frage nach Kostenerstattung durch Gesundheitssysteme in zunehmendem Maße auch die Erfolgswahrscheinlichkeit von Biotechnologieunternehmen mit beeinflussen wird. Wir sind in der Situation, wo es immer mehr interessante Therapieansätze gibt, auch diagnostische Ansätze, die natürlich mehr und mehr Kosten für das Gesundheitssystem bedeuten. Im Grunde genommen wird jetzt nach und nach eine gesundheitspolitische Diskussion einsetzen, darüber wie viel man am Ende des Tages für Gesundheit aufbringen will. In Deutschland sind wir in etwa bei ca. 10 % des Bruttoinlandprodukts, das wir für Gesundheitswesen ausgeben. Die USA geht da eher Richtung 15 %. Als Gesellschaft werden wir uns wahrscheinlich irgendwann die Frage stellen, wie weit kann das nach oben gehen? Wie viel wollen wir wirklich am Ende für Gesundheit ausgeben? Dass wir dann ein Stück weit auch Innovationen ausbremsen, wenn wir sagen: Ja man könnte dies und jenes machen, aber es ist keiner bereit es zu zahlen. Deswegen, wenn ich es andersherum formuliere, es ist meiner Meinung nach sehr wichtig, sehr frühzeitig schon nachzuschauen, was der gesundheitsökonomische Mehrwert eines Projekts ist. Nicht nur der medizinische Aspekt zählt, sondern auch die Frage: kann ich damit der Gesellschaft einen Gefallen tun und langfristig Kosten in den Griff bekommen? Nur dann wird man, glaube ich, erfolgreich sein. Biotech ist ja nach wie vor, gerade in der frühen Phase, getrieben durch enthusiastische Gründer. Ich glaube man muss mehr und mehr auch frühzeitig da einsetzen. Das ist aus meiner Sicht einer der ganz großen Trends. Das geht natürlich einher mit mehr Regularien. Gesundheitsbehörden, die versuchen auch an der Stelle die Daumenschrauben etwas anzuziehen. Technologische Trends, das ist die andere Seite der Medaille. Es ist immer wieder erstaunlich, dass man doch sieht, was für tolle neue Ansätze es gibt. Ich kann mich erinnern, vor 10 Jahren war ich selber auf der Investorenseite tätig. Damals haben wir uns mit Themen wie Krebsimmuntherapie beschäftigt. Zu der Zeit hieß es, das hat alles gar keine Chance, das funktioniert alles gar nicht. Das war auch damals so. Da hat es auch Unternehmen gegeben, die gescheitert sind. Wahrscheinlich waren diese zu früh dran. Heute sehen wir, dass Krebsimmuntherapie tatsächlich ein sehr spannendes, kommendes Feld ist. Wir sehen eben, dass es plötzlich möglich sein kann, Krebserkrankungen nicht nur zu kontrollieren, sondern auch wirklich in der Ursache zu heilen. Das sind meines Erachtens ganz tolle wissenschaftliche Trends und ich glaube, wir werden auch in der Diagnostik mehr und mehr davon sehen. Die Hochdurchsatz-Sequenzierung, das verfügbar machen genetischer Informationen zu überschaubaren Kosten wird dazu führen, dass man hier möglicherweise auch in der Krebsdiagnostik ganz spannende Dinge machen kann, die man heute noch nicht in der Routine anbieten kann.

 

Ute Nonnenmacher: Wie wichtig ist für Sie die Zusammenarbeit mit den Lizenznehmern? Wo sind da die Reibungspunkte? Was kann epigenomics bieten, was der Lizenznehmer?

 

Dr. Thomas Taapken: Bei uns ist es so, dass wir keine Lizenznehmer haben die quasi die regulatorische Verantwortung in den Kernmärkten übernehmen. Wir haben in China z. B. eine Kollaboration, wo wir mit einem chinesischen Partner zusammen die Zulassung unseres Produkts im chinesischen Markt vorangetrieben haben. Da war es so, dass wir alles beigetragen haben: Dokumentationen, Informationen etc. und der chinesische Partner das lokale Wissen um die regulatorischen Hürden hier eingebracht hat um zu einer zügigen Zulassung des Produkts beizutragen. Also das war echte Zusammenarbeit. Aber in den meisten Ländern, in denen wir aktiv sind, also Europa sowie USA, da sind wir selber in der Pflicht und in der Verantwortung und haben diese Themen nicht über Lizenznehmer abgedeckt, sondern da sind wir selber diejenigen die z. B. mit der Zulassungsbehörde reden.

 

Dr. Jochen Becker : Um hier noch einmal auf die Reibungspunkte zu kommen, gibt es in der Zusammenarbeit mit Lizenznehmern kritische Punkte?

 

Dr. Thomas Taapken: Auf der einen Seite steht hier das kleine Biotechunternehmen, das ein eigenes kleines Baby hat, ein Produkt, was man gehegt und gepflegt hat und zu einem bestimmen Punkt gebracht hat. Dann übergibt man es im Rahmen einer Auslizensierung meistens einem der großen Pharmaplayer zur weiteren Bearbeitung. An der Stelle ist es natürlich so, dass der große Player dies als eines von vielen seiner Projekte ansieht. Wohingegen es für den kleinen Biotechplayer dann doch das eigene Baby ist. Das ist eine schwierige Situation und das führt oft zu Spannungen, weil man das Gefühl als Biotech-Unternehmen hat, dass der Pharmapartner sich hier nicht ausreichend kümmert, oder nicht den richtigen Aufwand betreibt um wirklich dieses Produkt zu unterstützen. An der Stelle hilft wirklich nur sehr intensive Interaktion mit dem Lizenznehmer. Meiner Meinung nach hilft nur, wenn man in diesen Kollaborationen vereinbart, engmaschig zusammen zu arbeiten und Dinge wirklich gemeinsam zu tun. Nicht das Gefühl zu haben, es gäbe „wir“ und „die“. „Wir“ machen es richtig und „die“ machen es falsch. Das ist meiner Meinung nach die Hauptursache dafür, dass Kollaborationen letztlich in der Praxis nicht funktionieren. Neben dem formalen Scheitern von Produkten. Das passiert natürlich auch. Wenn ein Produkt in der klinischen Studie nicht das tut was es soll, dann wird es eben beendet und die Kollaboration dann entsprechend auch.

 

Ute Nonnenmacher: Wie arbeiten Sie als epigenomics mit jungen Start-Up Unternehmen zusammen? Investieren Sie in diese Unternehmen – wenn ja, gibt es hierzu einen systematischen Prozess?

 

Dr. Thomas Taapken: Nein, wir investieren nicht in diese Unternehmen. Demnach gibt es auch keinen Prozess bei uns. Der Grund ist eigentlich ganz einfach. So lange wir noch eigenkapitalfinanziert sind, d. h. Geld von Investoren annehmen, die uns hier unterstützen bei dem was wir tun, können wir nicht rechtfertigen, dass wir dieses Geld nehmen und es wiederum anderen Firmen geben. Da kann der Investor selber besser entscheiden, wo er sein Geld anlegen will. Und wenn er es der epigenomics gegeben hat, und nicht dem Start-up XYZ, dann hat er das aus einem bestimmten Grund gemacht. Unser Geschäftsmodell ist es nun mal nicht als Venture Fonds zu agieren, sondern als Unternehmen, das diagnostische Produkte entwickelt. Also deswegen haben wir an der Stelle schlichtweg nicht die Möglichkeiten. Wir arbeiten dennoch mit Start-Up-Unternehmen in vielfältiger Weise zusammen. Wir haben z. B. ein Projekt gehabt mit einem kleinen Unternehmen. Dieses Unternehmen hat sich eine interessante Frage gestellt: Wie bauen wir entsprechende Strukturen auf, um formale Entwicklung, regulatorische Expertise, Qualitätssicherung, usw. abzubilden? All die Dinge die eben nötig sind um zu einer CE Kennzeichnung zu kommen für ein diagnostisches Produkt. Wir hatten dann auch über den Investor dieses Unternehmens die Anfrage: „Mensch, Ihr habt doch all das. Könnt Ihr das nicht machen, als Dienstleistung?“ Wir haben mit dem Unternehmen sehr intensiv zusammengearbeitet und unser Wissen und Know-how zur Verfügung gestellt. Das hat uns Einnahmen gebracht und dem Start-Up an der Stelle erspart, sich eine eigene komplette Entwicklungsabteilung aufbauen zu müssen. Für ein einziges Produkt hätte sich das nicht gelohnt. Also an der Stelle war es eine relativ erfolgreiche Zusammenarbeit und das Produkt ist jetzt auf den Markt gekommen. Die zweite Art der Zusammenarbeit ist natürlich eine Lizenzpartnerschaft, wo wir an das Unternehmen etwas auslizenzieren oder das Unternehmen an uns lizenziert und wir als Partner versuchen hier gemeinsam Produkte auf die Beine zu stellen. Wir haben jetzt aktuell eine Diskussion, über ein Patent was wir derzeit nicht weiterverfolgen wollen, aber zu dem wir interessante Daten haben. Ein kleines Start-Up-Unternehmen hat sich daraufhin bei uns gemeldet und gesagt, „Mensch wir würden gerne auf dem Bereich weiterarbeiten. Können wir da nicht etwas zusammen machen?“ Da haben wir eben jetzt die Lizenzvergabe in der Vorbereitung und versuchen, denen diesen Zugang zu unserer Technologie zur Verfügung zu stellen, und das Know-How, damit sie ihr Unternehmen aufbauen können.

 

Ute Nonnenmacher/Dr. Jochen Becker: Vielen herzlichen Dank, Herr Dr. Taapken, für das spannende Gespräch!